Reisebericht

Reisebericht Frankreich, Picardie 2012

"Gegen das Vergessen"

 

Auch diesmal führte mich meine Reise wieder in die Picardie im Nordosten Frankreichs. Ich machte mich, mitsamt meinem Reisebegleiter, am 31.03.2012 gegen 10:00 Uhr auf den Weg.

Geplant war etwa gegen 16:00 Uhr im verträumten Örtchen Aubenton einzutreffen. Ich stellte mich auf Reiseverkehr, und dadurch bedingte Verzögerungen, ein. Doch auf meinem Weg quer durch Belgien kam ich ohne Staus, bei wenig Verkehrsaufkommen, sehr zügig voran. Ich freute mich schon auf den geplanten Zwischenstopp im franzanzösischen Megasupermarkt Auchant in Hirson. Nur allzu leicht verfalle ich in den französischen Supermärkten in eine Art Lebensmittelkaufrausch. Ich möchte möglichst alles probieren und in den Einkaufswagen legen. Obwohl Hirson gerade mal einen Steinwurf hinter der belgischen Grenze liegt, kann man schon hier das Leben in Frankreich genießen. "Wie Gott in Frankreich" versteht man hier sofort, wenn man die Gänge des Auchants entlanggeht und die Massen an Leckereien auf sich wirken lässt.

Ich sollte den Supermarkt aber nicht ohne ungewollte Zwischenstopps erreichen. Mein erster Stopp wurde von einem französischen Gendarmen erzwungen. Er erklärte mir höflich, aber mit Nachdruck, dass er unbedingt einen Blick in meinen Autotank werfen müsse. An der Farbe des Gemischs erkenne er, ob ich wohl mit Heizöl, anstatt Diesel, fahre! Sehr enttäuscht ließ er mich dann aber weiterfahren, als ich ihm erklärte, dass mein Jeep mit Benzin fährt. Gott sei dank, kein Steuersünder, also: "Gute Fahrt!". 

Zehn Minuten später, etwa 20 km vor "meinem" Supermarkt sah ich etwa 20 Meter von der Straße auf einem Feldweg, einen lichterloh brennenden Land Rover. Jetzt stoppte ich abermals um mir diesen Eindruck nicht entgehen zu lassen. Ich zückte die Kamera und machte einige Bilder vom Spektakel. Das ein Auto derart inbrünstig und heftig brennt, habe ich nicht gedacht. Als die Reifen platzen und der Tank des Landys explodierte, fühlte ich mich wie mitten auf einem Schlachtfeld.

Sichtlich geschafft, aber die Gefahr ist gebannt, das Wrack gelöscht!

Nun aber schnell weiter, das Einkaufsparadies wartet und mein Feriendomizil wollte bezogen werden. Ohne weitere ungeplante Vorkommnisse kam ich in Hirson an. Zielstrebig fuhr ich auf den Parkplatz vom Auchant, sah noch kurz nach meinem Reisebegleiter und ging ins Schlemmerland einkaufen. Nach 60 Minuten und über 100 Euro ärmer kam ich mit einem prallgefüllten Einkaufswagen zum Auto zurück. Alles verstaut und auf nach Aubenton. Etwa 15 Minuten später stand ich vor dem "Tour de Chimay". Der "Tour de Chimay" ist etwa 660 Jahre alt und gehörte früher zur Stadtbefestigung von Aubenton. Heute kann man ihn als Feriendomizil mieten. Er strahlt mittelalterlichen Charme aus, ist karg, aber mit Liebe eingerichtet und lässt all seine überdauerten Jahrhunderte dem Erholungsuchenden spüren.

Madame Ledouble, unsere Vermieterin war noch nicht im Turm. Trotz der Vorfälle auf dem Weg, lagen wir noch gut in der Zeit. Zumal nun mein Reisebleiter nachdrücklich um Aufmerksamkeit jammerte. Also schön, zogen wir noch eine Stunde um die so liebgewonnenen Blocks von Aubenton. Es war ein Spaziergang voller wiederentdeckte Erinnerungen. Der kleine Weg am Ufer des Tons entlang, der "Tour Daniel", der Bruderturm, welcher noch immer einsam und verlassen am entgegengesetzten Ende Aubentons steht. Nichts im Ort hatte sich in den letzten sechs Monaten verändert. Ganz zaghaft blickte sogar die Sonne durchs triste Wolkengrau, wie um uns zu begrüßen, ein vorsichtiges "Hallo, schön, dass ihr wieder da seid!"

Wir mussten uns zwingen, unseren kleinen Wiedersehensspaziergang zu beenden und kehrten zum "Tour de Chimay" zurück. Madame Ledouble erwartete uns schon, sie begrüßte uns mit unglaublicher Herzlichkeit, einem brennenden und wärmenden Kamin und freute sich über unsere Rückkehr. Nach der Verabschiedung war eine halbe Stunde einräumen angesagt. Meine Güte, was für ein Kram man mit auf Reisen nimmt, kaum zu glauben.

Endlich konnte auch mein Reisebegleiter seine Aufgabe wahrnehmen und die Anlage vor Eindringlingen aus der ganzen Welt beschützen!

Beruhigt und glücklich über unsere Ankunft machten wir noch einen kleinen Abendrundgang, ließen uns eine Pizza aus dem Gasherd mit anschließenden Käsehappen schmecken und beendeten diesen ereignisreichen Tag mit einem "Pastis 51" und gingen schlafen. Oder waren es zwei Pastis??

 

GUTEN MORGEN AUBENTON!!

Die erste Nacht, ein Traum aus Geräuschen, Dunkelheit und einem Gefühl Geschichte erlebt zu haben. Auch bei diesem Aufenthalt kribbelt es mich, wenn ich daran denke, wieviele Generationen dieses Gemäuer erlebt und mit ihm gelebt haben. Welche Schicksale mögen sich in den 660 Jahren wohl genau hier ereignet haben? Freude, Trauer, Hunger, Friede und Leid mag der Turm erzählen können. Hier im Turm fühle ich mich besonders gut aufgehoben.

Auf gehts aber zu weitern Schandtaten! ich bin gespannt was meinen Reisebegleiter und mich heute erwartet. Zum Beginn eines schönen Tages gehört eine große Tasse Kaffee. Gesagt getan, los gehts, mich treibt es raus. Ich schnapp mir den Hund und gehe los. Ich wandere durch eine Landschaft aus kleinen Wäldern, Feldern, Wiesen und Weiden. Wir durchwandern sanfte Täler und grüne Flusslandschaften Der Ton ist einer von vielen kleinen Flüssen und Kanälen, welche dieses ursprüngliche, grüne Land durchziehen. Immer wieder treffen wir auf kleine Brücken, schmale Wege und einsame Straßen welche zum Spaziergang einladen. Wir genießen Stunde um Stunde die Landschaft und die Menschen. Manchesmal treffen wir auf Angler oder Anwohner, welche immer einen kurzen Plausch mit uns halten und nachfragen, ob sie uns helfen können. Ganz gespannt hören die Menschen zu, wenn ich erzähle, dass ich aus dem weit entfernten Deutschland komme und einfach nur ihr Land genießen möchte. Mein Interesse überrascht die Menschen, macht sie aber auch sehr stolz und sie zeigen mir die schönsten Fleckchen. So gingen wir immer weiter, von einem Hügel zum anderen.

Das Wetter spielte nun auch mit. Es war sonnig, der Himmel blau, ein Blau, welches nicht durch Kondensstreifen irgendwelcher Flugzeuge unterbrochen wurde. Hier fliegt kein Flugzeug, keine Autobahn, welche ihren Lärm verbreitet, keine Industrie weit und breit. Setz dich hin, verweile einen Moment und du weißt es zu schätzen!

Nach gefühlten 1298 km Fußmarsch war es Zeit den Grill anzuwerfen. Mein Reisebegleiter und ich genossen die traumhafte und schon wärmende Sonne. Nach einem guten Essen zog es uns wieder in die Umgebung. Diesmal erkundeten wir die Orte, welche zu Fuß für uns erreichbar waren. In welche Richtung sollten wir wohl fahren? Was solls, vier Himmelsrichtungen stehen uns offen. Wärmende Sonnenstrahlen luden uns ein. Also los, erkunden wir, was schon viele Generationen vor uns erkundet haben. Gefunden haben wir ein voller vergangener Zeiten erzählendes Land. Niemals ist mir aufgefallen, dass Stillstand und Rückbesinnung so bereichernd sein kann. Die Hektik und der unwiderstehliche Drang nach dem Neuen ist in diesem Land ganz weit weg, ganz weit entfernt.

Der Hunger treibt uns nun wieder zum Turm. Angekommen wird der Grill erneut angeworfen. Weitere Leckerbissen vom Auchant landen auf dem Grill. Wir genießen die letzten Sonnenstrahlen und verabschieden uns von diesen besinnlichen und ausdrucksstarken Tag in Aubenton. Beschließen werden wir diesen Tag auch wieder mit einem Pastis. Die Hektik und das Unstehte unserer Tage gibt Anlass zum Nachdenken. Hier sind die Abende übrigens sehr kurz. Um 22:00 Uhr wird jegliche, ich meine damit wirklich alle öffentliche Beleuchtung abgeschaltet. Ein Blick in die Nacht vermittelt wirkliche Dunkelheit. Man kann sich sowas bei uns kaum vorstellen, da auch das Umgebungslicht der Industrie und Städte hier völlig fehlt. Ich bin auf einmal völlig allein mit mir, in absoluter Schwärze. Nein, ich vergaß den Mond, er strahlt und wirft sein Licht auf den Turm und mich! Gute Nacht!

Montag, auch in Aubenton ein Arbeitstag!

Die Ruhe wurde heute Morgen jäh unterbrochen und schmiss mich gegen halb zehn aus dem Bett. Hier in Frankreich ist die "Gelbe Tonne" unterteilt. Die Hälfte der Tonne macht ein Fach für Altglas aus. Natürlich ist eine Leerung mit unglaublichen Radau verbunden, welcher mich aus dem Bett holte. Nach diesem unsanften Wecken wollte ich auch keinen Schlaf mehr finden, also los mit meinem Reisebegleiter, dann kurz das Navy checken und mit dem Jeep die Umgebung erkunden. Das war der Plan. Reisebegleiter, ich und der Jeep waren startklar, unser TomTom allerdings nicht. Nachdem ich es dreimal neu startete, dieses Gerät aber trotzdem keinerlei Funktion zeigte, kam es zur ersten Planänderung.

Die guten Menschen vom ADAC haben mir ja ein Urlaubspaket gepackt, mit Informationen, Karten und weiteren nützlichen Dingen. Da so ein Navigationsgerät hier irgendwie sowieso nicht hinpasst, dachte ich, machs wie früher, fahr nach Karte. Ging ja alles mal. Leider musste ich auch diesen Plan wieder verwerfen. Das dicke Paket vom ADAC enthielt unglaublich viele Dinge. Leider alles völlige nutzlose Werbung und Informationen über andere Länder, welche ich leider im Moment nicht besuche. Eine Karte der Region fand ich dann doch - leider sind darauf nur Himmelsrichtungen und Städt über 12 Millionen Einwohner eingezeichnet. Fehlanzeige, nicht mal mein Startpunkt war auf der "Karte". Ich fragte mich, was man mit so einem Teil macht, außer die heimische Altpapiertonne zu füttern?

Also Plan C, ich gab dem Liebreiz der vom strahlend blauen Himmel scheinenden Sonne nach, nahm mit eine Decke, eine handvoll Bücher von und über die alten Meister der Fotografie und Malerei und machte es mir im turmeigenen, frischgemähten Rasengarten gemütlich. Die Müllabführ hatte ihre Aufgabe erfüllt, es kehrte wieder Ruhe und Frieden in Aubenton ein. Ich nahm mir das erste Buch zur Hand, eine wundervolle, reich bebilderte Ausgabe von da Vincis Werk. Großformatige Detailaufnahmen seiner Bilder brachten mich auf neue Fotoideen. Diese wollte ich überdenken, legte das Buch zur Seite und schlief ein.

Stunden später weckte mich mein Reisebegleiter, er verspürte Hunger, ich solle doch das Essen zubereiten. Ich stand also auf und fühlte mich nicht so gut. Meine Haut im Gesicht und an den Armen brannte und spannte. Kurzer Blick in den Spiegel reichte dann auch aus die Ursache festzustellen. Sonnenbrand, na klasse!! Dagegen hat man ja nun Anfang April auch alles Notwendige in der Reiseapotheke. Zur Stärkung, wenn schon nichts zur Linderung vorhanden ist, ein Glas unglaublich leckeren Rotwein aus dem Lebensmitteleinkaufsparadies.

Auf der "to do" Liste für morgen stehen also eine Straßenkarte und noch ein Fläschchen dieses köstlichen Weines. Der Leser erkennt schon, wo ich diese Utensilien zu kaufen gedenke. Nun gings mit ein wenig Sonnenbrand los um meinem Reisebegleiter den nötigen Auslauf zu verschaffen. Auf unserem Weg gab es wieder viele Motive, welche ich hier nur kurz vorstellen möchte.

Die Hauptstraße von Aubenton mit dem Museum des Fliegerasses Mermoz im Hintergrund.

Der "Tour Daniel", der Bruderturm meines Domiziels am anderen Ende Aubentons, am Ufer des Tons. Er ist zur Zeit verlassen und unbewohnt. Schade drum.

Besinnliche Pfade und Wege laden zu langen Spaziergängen entlang des Tons ein.

Mein Reisebegleiter und ich befanden uns auf einen ausgedehnten Spaziergang als er, Monsieur "Out of Control" beschloss ein Bad zu nehmen. Augenscheinlich ist auch ihm die Sonne nicht so gut bekommen. Kurzentschlossen sprang er in den Ton und zeigte sich sehr überrascht, dass der kleine Fluss wohl erheblich tiefer war, als Monsieur dachte. Also Retour, wildes Gestrampel zum Flußufer und wieder raus aus dem erfrischendem Nass. Anschließend bekam ich ein wildes, konfuses Umhergerenne und Gewälze zu sehen, da der Pelz nun wohl ordendlich juckte.


Monsieur "Out of Control"!!!

Nach dieser Arie, eine Stunde in der Sonne trocknen und nach einer ausgiebiegen Fellpflege von mir nahm mein Reisebegleiter dann wieder seine Arbeit, die Bewachung des Turms vor Eindringlingen jeglicher Art, auf.

Übrigens, das mit der Zunge zeigen, meint er nicht persönlich!

Ein, trotz aller Erschwernisse ereignisreicher und schöner Tag neigt sich dem Ende. Mein Reisebegleiter und ich sitzen vor dem wärmenden Kamin. Stille und Dunkelheit sind nun eingekehrt und wir genießen den Abend. Den Tag "Revue passieren" lassen, ein paar Gedanken an unsere traumhafte Umgebung schwelgen, beschäftigt uns an diesem Abend. Einen Moment inne zu halten, das Vergangene aufzunehmen und langsam auf den nächsten Tag, mit all seinen Kuriositäten, einzustellen. Dies wird uns nun noch beschäftigen, wir freuen uns auf den verdienten Schlaf und auf den nächsten Tag im "Tour de Chimay". 

Dienstag, der Tag bedann angenehm warm. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft war es nicht notwendig den Kamin morgens anzufeuern. Die Sonne lachte uns entgegen, sodass wir beschlossen im Turmgarten zu frühstücken. Schöner kann der morgentliche Start in den Tag nicht sein. Kurze Zeit später machten wir uns zu unseren mittlerweile sehr liebgewonnenen Spaziergang, am Ufer des Tons entlang bis zum "Tour Daniel", auf. Jeden Tag aufs Neue entdecken wir das Frühlingserwachen der Natur. Vorsichtig sprießende Bäume und Büsche, ein täglich satter anmutendes Grün und aufgeregt umherfliegende und zwitschernde Vögel. Mein Reisebegleiter und ich genießen die uns umgebenden Eindrücke und kehren zum Turm zurück.

Der Besuch im Konsumentenparadies Auchant stand an. Durch ein funktionsloses TomTom war es notwendig Kartenmaterial der Region zu besorgen. Im Auchant erstanden wir eine Flasche Rotwein, Käse und Wurst, zu unserem Leidwesen gab es hier jedoch keine Straßenkarte. Das Zeitalter der Satellitennavigation hatte also auch in der Picardie seinen Einzug gehalten. Augenscheinlich braucht niemand mehr auf Papier gedruckte Karten. Weiter ging es also "im Blindflug" durch Hirson bis zu einer antiquiert anmutenden Totaltankstelle. Hier bekam ich dann mein gewünschtes Kartenmaterial und zusätzlich eine sehr suspekt schauende Tankstellenpächterin. Sie konnte mir kaum glauben, dass ich dieses schon leicht gelbliche Kartenblatt der Picardie kaufen wollte. Als ich die Karte vor ihren Augen entfaltete, um eine Standortbestimmung vorzunehmen, verlor die Dame komplett ihre Sprache. Sie schrieb mir netterweise auch den Preis der Karte, von 5,50 €, auf einen extra Notizzettel, obwohl er mir schon blinkend am Display der Kasse angezeit wurde. Dabei kam ich mir ein bisschen "alienlike" vor. Wichtig war aber, dass nun wieder eine Navigation, wenn auch von Hand, möglich ist! Sofort nutzte ich meine leicht vergilbte Karte und suchte mir eine Route entlang des Tons zurück nach Aubenton aus.

Meine gewählte Route sollte im Tontal über die Orte Bucilly, Martingny und Leuze, jenseits der großen Route Nationales, führen. Unser Weg führte uns durch eine Landschaft mit sanft geschwungenen Hügeln und Tälern. Immer wieder vorbei an einsame Bauernhöfe, Weiden, Feldern und kleinen Baumgruppen. Obwohl sich die Täler und Hügel ähnelten, so waren doch niemals gleich. Immer gab es für das Auge etwas besonderes und anmutiges zu entdecken. Jedes Tal, jeder Hügel luden zum Verweilen ein, so machte ich alle 800 Meter Rast, um das Schöne und Beeindruckende entdecken zu können.

Ein eisamer Bauernhof in der Nähe von Bucilly.


Ein kleines Tal zwischen Martingny und Leuze voller Anmut und Ausdruck. Hier verweilten wir einige Minuten um die Schonheit zu genießen.

Das Örtchen Bucilly überraschte mich sehr. Wir fuhren hinein und spürten sofort den urtümlichen Charakter. Hier gibt es keine Neubauten, aber, entgegen dem Trend in anderen Orten der Picardie, ist hier in Bucilly nichts verlassen oder aufgegeben. Das Traditionelle und Urtümliche ist allgegenwärtig, was diesen Ort ausmacht. Er wirkt nach außen kompakt, wie eine Trutzburg der Geschichte, er will bleiben, wie er ist und was er war. Wir fühlten uns sofort wohl in Bucilly. Er gab uns das Gefühl, hier und jetzt, an der Geschichte teil zu haben, ja, wir gehörten für einen Moment sogar dazu.

Der Blick auf diesen so urspünglichen wie kompakten Ort Bucilly.

Vom Süden kommend, mutet es an, als wolle ein Zauberwald mit seinen Ästen und Zweigen nach uns greifen, den Ort vor Fremden beschützen um alles und jeden abzuwehren, um die Stille und Zufriedenheit des Dorfes Bucilly zu bewahren. Und augenscheinlich funktioniert dieser Zauber bis heute!

Der Ort Martigny har seine ungewollte und fragwürdige Berühmtheit durch den ersten Weltkrieg bekommen. Wie wir im Ort erfuhren, gab es heftige Schlachten und Kämpfe um Martigny, bei denen tausende von Menschen ihr Leben verloren und der Ort völlig zerstört wurde. Fast einhundert Jahre danach mahnen noch viele Denkmäler und Friedhöfe an diese dunkle Zeit in der Geschichte. Möge diesem und allen anderen Orten in Zukunft solche Erlebnisse erspart bleiben. Der erste Weltkrieg ist in der gesamten Region noch sehr präsent. Allerorts gibt es Denkmäler, welche an die verheerenden Schlachten in der Picardie erinnern.

Im Gegensatz zur geschichtlichen Genese sind die Menschen hier sehr offen und fremdenfreundlich. Kein Tag vergeht, an dem wir nicht angesprochen werden, an dem uns Hilfe angeboten oder ein kurzer Plausch am Rande gesucht wird. Fast könnte man denken, die Menschen hier wollen durch Offenheit und Toleranz eine Wiederholung der Geschichte vermeiden. Wie dem auch sei, wir genießen unsere Kontakte hier und fühlen uns bestens aufgehoben, manchmal schon dazugehörend.

Zurück in Aubenton wirds Zeit, abermals den "Tour Daniel" zu besuchen. Ein Stückchen weiter und wir treffen wieder auf die typisch französische Stimmung des Dorfes. Die Besinnlichkeit des Moments berauschte uns und wir verweilten ein bisschen am Ufer des Tons.

Der Blick auf Aubenton vom gegenüber liegenden Ufer des Tons.

Der Tag war so warm und wunderschön, dass ich die besinnlichen und eindrucksvollen Momente im Glanz der Abendsonne im Turmgarten aufschrieb. Ein kleiner Besucher, welcher unbedingt über mein Bein gehen musste, immer angetrieben sein Ziel auf kürzesten Wege zu erreichen, reckte uns zum Gruße die Fühler entgegen.

Unbeirrbar ging der kleine Mann seines Weges, egal, wer oder was, zwischen ihm und seinem Ziel sein sollte. Selbst mein Reisebegleiter zeigte sich beeindruckt und stand auf, damit der kleine Mann zielstrebig weiterziehen konnte!

Ein besinnlicher und zum Nachdenken anregender Tag neigt sich seinem Ende. Einige Wolken ziehen über Aubenton auf und spenden milde Temperaturen. Im Kamin brennt fröhlich knisternd das Feuer, das Abendessen wartet und das große Bett unterm Dach des "Tour de Chimay" freut sich auf uns.

In der Nacht hatte es ein wenig geregnet. Der Mittwochmorgen begrüßte uns zwar mit sonnigen Abschnitten, in Bodennähe war es aber diesig. Der Dunst, welcher sich wie ein dünner Schleier über das Land legte, sollte uns auch den ganzen Tag begleiten. Nüchtern und gräulich wirkte daher die Umgebung, als wir unseren Tag mit dem Besuch des "Tour Daniels" begannen. Kaum zurück, setzten wir uns ins Auto um die Orte Brunehamel, Rumigny und Hannappes zu erkunden. Auch wollten wir einen Blick in den "Wald von Aubenton" werfen. Der "Wald von Aubenton" liegt auf einer Art Hochebene und ist für Erholungssuchende mit vielen Wanderwegen und Bänken, welche zu einer Rast einladen, liebevoll gestaltet. Mein Reisebegleiter konnte heute leider nicht motiviert werden, sodass längere Fußwege gestrichen wurden. Daher viel unser Besuch im Wald relativ kurz aus und wir machten uns mit dem Auto auf den Weg Richtung Süden, nach Brunehamel, unser nächstes Ziel. Hier ihn Brunehamel ändert sich das Landschaftsbild.

Schaut man in Brunehamel gen Norden, so erkennt man hinter dem Ortsausgang die hügelige, sanft geschwungene Landschaft der Ardennen. Wendet man den Blick jedoch in südliche Richtungen, öffnet sich vor unseren Augen ein ausgedehntes Tiefland, welches dem Blick des Betrachters kein Hindernis mehr bietet und bis ins Endlose schauen lässt.

Wir genossen einige zeit diesen Ausblick und machten uns dann weiter Richtung Nordwesten, auf den Weg zum Örtchen Rumigny. Rumigny hat, ähnlich dem gestern besuchten Ort Bucilly, keinerlei Neubauten. Wüsste ich die Jahreszahl nicht, hier in Rumigny wäre sie kaum zu erraten. In und um Rumigny herum kann mal allerlei alte Bauwerke besichtigen.

Diese große Kirche aus dem 17ten Jahrhundert liegt etwas abseits vom eigentlichen Ortskern Rumignys. Seltsamerweise liegt sie in einer kleinen Mulde am Hügelrand, etwas so, als wolle sie sich schützen oder verstecken, um nicht entdeckt zu werden. Aber auch das Straßenbild Rumignys ist sehr sehenswert und typisch für die Gegend.

Einige bewegende Minuten blieben wir noch in Rumigny, um die Eindrücke aufzunehmen und auf uns wirken zu lassen. Dann setzten wir unsere Fahrt in Richtung Nordosten, zum kleinen Örtchen Hannappes fort. Man sagt, dieser Ort sei kurios, da er entweder zu klein ist, oder die mächtige Kirche dort, viel zu groß für das Örtchen Hannappes sei. Ich war gespannt was uns erwartet und mein Reisebegleiter war froh wieder im Auto schlafen zu können. Nach kurzer Fahrzeit erreichten wir Hannappes.

Dann standen wir beeindruckt vor Ihr. Ein unglaublich mächtig wirkendes gotisches Bauwerk aus dem 13ten Jahrhundert. Diese respekteinflößende Kirche mit ihrem kreuzförmigen Schiff versetzt den Betrachter zurück in die Zeit des finsteren Mittelalters und der Inquisition. Der Ort wirkt neben der Kirche wirklich sehr klein, fast alle Häuser Hannappes sind auf dem Bild oben zu sehen. Von Ort zu Ort dringen wir immer weiter in die Vergangenheit zurück. Sehen Bauwerke und Landschaften, wie der Mensch sie vor vielen Jahren ebenfalls schon betrachten konnte. Lediglich die Autos und Strommasten, Zeugen unserer Zeit, lassen uns in die Realität zurückkehren. Tief ergriffen kehren wir von unserer Zeitreise in die Vergangenheit nach Aubenton zurück. Bevor wir aber in unser Domizil einkehren, statten wir dem alten Bahnhof von Aubenton einen Besuch ab.

Einst der Stolz der gesamten Gemeinde Aubenton. Die nun errichtete Verbindung zur Außenwelt, ein Stück Lebensqualität für die Menschen und Unternehmungen hier im Ort. An den Flanken des Gebädes, kaum noch zu erkennen, prangte einst, in großen Lettern geschrieben, der Ortsname "Aubenton". Lang ists her, da hier ein Zug anhielt, seine Fracht entlud, Reisende aus- und zustiegen. Geschunden und verfallen wartet der einst so stolze Bahnhof auf sein Ende. Bedrohlich, wie aus leeren Augenhöhlen heraus, schauen die scheibenlosen Fenster nun auf uns herab. 

Mitleid fällt uns ein, ein Wort des Trostes jedoch nicht. Leider ist für den Bahnhof Aubenton nicht, wie anderorts üblich, gesorgt worden. Da hier der Schienenverkehr noch aktiv ist, wollen die Menschen das Haus nicht anderweitig nutzen. Zu nah und zu laut ist der Eisenbahnverkehr. In anderen Orten der Region entstanden Wohn- oder Geschäftshäuser aus den alten, stillgelegten Bahnhöfen. Dort gibt es aber auch keinen Schienenverkehr mehr.

Unsere einst so prächtige und wichtige Verbindung zur Außenwelt wird nicht mehr lange aus seinen dunklen Fensterhöhlen auf die Umgebung starren. Wir kamen aus der Gegenwart, fuhren ganz tief in die Vergangenheit und enden mit unserer kleinen Reise wieder hier, im Hier und Jetzt, in Aubenton.

Mit den Gedanken und Bildern unserer kleinen Reise kehrten wir in den "Tour de Chimay" zurück. Der Abend verlief in gewohnter Ruhe, ließ uns die zeit den Wein aus der Region zu testen. In der Picardie herrscht, in der Landwirtschaft, die Viehzucht vor. Wein wird nur sehr wenig angebaut. Sein Charakter ist eher herb und würzig. Ich habe im ausgesprochen reichhaltigen Angebot des Einkaufswunderlandes meinen Favoriten gefunden. Bezeichnenderweise heißt der gute Tropfen " Le Voyageur". Ist ein unglaublich fruchtiger, milder Bordeaux, welcher außerordentlich gut zum Essen passt. Ich denke, die eine oder andere Flasche wir den Weg mit mir nach Deutschland finden.

Nach einigen Überredungskünsten meinerseits, begleitete mich mein Reisebegleiter zum allabendlichen Besuch des "Tour Daniels". Wir gingen äußerst langsam, um auf das malade und antriebslose Befinden meines Begleiters gebührend Rücksicht zu nehmen. Die Nacht kehrte nun in Aubenton und in unserem Turm ein, letzte Scheite wurden aufgelegt, um dem Feuer im Kamin noch einmal Antrieb zu geben. Die Flasche "Le Voyager" war leer, Zeit uns in die oberste Etage unseres Turms zurückzuziehen.

Kaum zu glauben, dass ich mir vor zwei Tagen fast einen Sonnenbrand zugezogen habe. Der Morgen des Gründonnerstages empfing uns mit lausiger Kälte und novembrigen Wetter. Düstere und feuchte Nebelschwaden umhüllten uns, als wir zum morgendlichen Spaziergang zum "Tour Daniel" aufbrachen. Eigentlich ein passender Tag, um die Ruhe und Gemütlichkeit des "Tour de Chimays" zu genießen und die Stunden des Tages vor dem Kamin zu verbringen. Da jedoch auch in Frankreich, der Karfreitag ein Feiertag ist, meine Proviantvorräte sich dem Ende neigten, beschlossen wir, nach dem Frühstück zur Konsumentenfreudestätte in Hirson aufzubrechen.

Auch bei diesem Wetter versprüht die Picardie ihren Charakter. Leider fotografisch nicht festzuhalten, jedoch ein Genuss für das Auge. Das in nebligen Schwaden eigeschlossene Gelb und Grün der sich auf das Früjahr vorbereitenden Natur und die alten Straßenzüge der Ortschaften strahlen einen eigentümlichen, vom Aufbruch in den Sommer träumenden Glanz aus.

Das Konsumentenhimmereich nicht! Hier ging es schon auf dem Parkplatz zu wie auf einem Ameisenhaufen. Augenscheinlich haben auch unsere französischen Mitmenschen die panische Angst vor drohender Lebensmittelknappheit, sobald sich ein Feiertag nähert. Ein Charakterzug, welcher Menschen international verbindet. Mein Reisebegleiter wartete im Auto auf mich und überlies es mir, mich durch die Menschen zu arbeiten um uns auch das Notwendigste an Lebensmitteln zu organisieren. Eine weitere völkerverbindende Eigenschaft durfte ich an der Kasse des Marktes miterleben. Erst der Kassiererin an der Kasse fällt es auf, dass der Kunde vergaß sein Obst zu wiegen und es mit dem entspechenden Etikett zu versehen. Ich habe den Eindruck, diese Fälle häufen sich, wenn man vor mir an der Kasse steht!

Am Nachmittag gewann die Sonne dann doch noch ihren Kampf gegen den Nebel und bescheerte uns Bicke auf dieses unspektakuläre, jedoch weite und offene Land, welches uns befreit atmen, den Blick schweifen und die stillen Momente genießen lässt.

Heute bietet sich mir auch mal die Möglichkeit die Randbeobachtungen meiner Reise aufzuarbeiten. Ein paar schöne Eindrücke, welche sich in mein Herz spielten.

Ein Stellwerk an einem kleinen, namenlosen Zufluss des Tons.

Der kleine Mann, mein Reisebegleiter, in der Wärme unseres Kamins. Die Tage verliefen auch nicht ohne Spuren, ohne Eindrücke, ohne das Leben in vollen Zügen genießend. Müdigkeit ist der Preis, den man gerne zahlt und der man nachgiebt.

Ein weiterer Tag neigt sich seinem Ende. Wir sind froh diesen genutzt zu haben. Eine wunderschöne Welt genossen zu haben und nun wieder, eine dieser traumhaften Nächte im Turm erleben zu dürfen.

Aprilwetter, gestern noch bei nebligen 7 Grad die Winterjacke getragen, heute strahlender Sonnenschein und ein Gefühl wie Mitte Mai. Wolkenlos begrüßte uns der Himmel über Aubenton am Karfreitag. Zwar ist auch in der Picardie heute Feiertag, aber die Menschen hier nutzen solche Tage für liegengebliebene Arbeiten. Rasenmäher, Kreissägen und Bohrmaschinen liefen auf Hochtouren, versuchten die Arbeiten, welche im Winter angefallen sind, aufzuarbeiten.

Mein Reisebegleiter und ich versuchten, an diesem herrlichen Frühlingstag, noch einige typische Eindrücke dieses, uns sehr lieb gewonnenen, Ortes einzufangen.

Zwangsläufig begannen wir mit unserem Domizil der letzten Woche. Der "Tour de Chimay" ist zu unsrem Obdach geworden. Im Turm erlebten wir viele glückliche Momente und erholsame Nächte. Das knisternde Feuer im Kamin, die über ein halbes Jahrtausend alten Mauern ließen und ruhig und wohlbehütet die Tage und Nächte verbringen.

Der "Tour de Chimay" im gleißenden Licht des wolkenlosen Nachmittags.

Der Turm mit den Dächern Aubentons und dem Gerüst um die "nichtvorhandene" Kirchturmspitze. Eine ähnliche, alte Fotografie hängt im Inneren des Turms und inspirierte mich zu dieser Darstellung.

Lange, ausgedehnte Spaziergännge am Ufer des Tons fiehlen uns sofort ein, wenn wir an unseren Aufenthalt zurückdachten. Die Ruhe und Erholung, welche wir dort genossen, ließen uns zu dem Ufer des Tons zurückkehren, um dieses Erlebins auch noch ein weiteres Mal erleben zu dürfen.


Stunden verbrachten wir an den Ufern des Tons. Jede Minute blieb als eine erholsame, kraftspendende und unvergessliche in Erinnerung. Vergessen dürfen wir aber auch die Stunden der Muße nicht. Stunden, oben, in unserem Turmgarten, die Sonne genießend und gelöst von jeglichen Alltagsstress.


Mein Reisebegleiter zeigte augenscheinlich eine sehr große Liebe, dieser Beschäftigung zu folgen. Obgleich er das mitgebrachte, deutsche Essen dem französischen vorzog.

Was war aber noch so chakteristisch für unseren Ort? Zu all der Harmonie, dem Ruhe und Erholung austrahlenden Charme, gehört auch die andere Seite. Die Menschen leiden unter der fehlenden Industrie. Die blühenden Jahre des wirtschaftlichen Aufschwungs sind lange vorbei. Überall findet man aber noch die Zeugen aus dieser Zeit. Die Natur nimmt langsam wieder Besitz von dem ihr abgerungenen Land. Zu sehen sind diese Orte des Verfalls allerdings heute noch. Heute dienen sie als Erinnerungen an eine längst vergangene Zeit und als Mahnmale für die Nöte der hier lebenden Menschen.

Ein kleiner, verlassener Hof am Ortseingang. Im Hintergrund ist der Schornstein einer schon lange stillgelegten Fabrik zu erkennen. Die Fabrikanlage wird langsam wieder ins Grün der Landschaft integriert. Noch aber, dominiert sie ein langes Stück am Ufer des Tons.

Gemischte Gefühle durchdringen meinen Reisebegleiter und mich beim letzten Streifzug durch unseren Ort. Ruhe, Geborgenheit, Schönheit, Ursprünglichkeit, Besinnlichkeit, aber auch Zukunftssorgen bewegen uns bei unserem Spaziergang. Wir wünschen den Menchen hier alles Gute hoffen, alsbald Aubenton und der Region Picardie den nächsten Besuch abstatten zu können. Langsam machen wir uns fertig diese traumhafte Umgebung zu verlassen.

Vielen Dank für die Gastfreundschaft und die wunderschönen Tage hier. Morgen, in aller Frühe machen sich mein Reisebegleiter und ich auf, nicht ohne einen letzten Stopp im Konsumentenhimmelreichparadies, und treten unseren Heimweg an. Wir freuen uns, bald unsere geliebten Menschen in den Arm nehmen zu können!   

Au revoir!